Burma





Reisebericht

Burma – Mingalaba !


Die Burmesen sagen: Wenn du jemanden ohne Lächeln siehst; gib ihm deines“. Ein warmes Lächeln empfängt mich auf dem Flughafen von Rangun. Zar Ni Win strahlt mich an und macht ihrem Namen alle Ehre. „Ne Win“ heißt übersetzt „strahlend wie die Sonne“. Dieses zierliche Persönchen im aparten Wickelrock wird mich also in Ihrem Heimatland begleiten.

Ikone der Freiheit


Meine Annäherung an Burma geschah nur langsam. Viele Jahre waren die politischen Verhältnisse so, dass ich keine Neigung verspürte in dieses wunderschöne Land zu reisen. Ich würde es als „inneres Embargo“ bezeichnen. Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Unterstützt man ein totalitäres Regime durch Einnahmen aus dem Tourismus, oder reist man in ein Land und zeigt den Menschen seine Verbundenheit, - macht deutlich, dass sie nicht vergessen sind. Ich zweifele an einem Einfluß von Außen. Internationale Ächtung und wirtschaftlicher Druck können ein System zwar schwächen aber sie erhöhen vor allem die Armut der Bevölkerung und entflammen höchstens den Funken, der die Lunte des Umbruchs entzündet. Den herrschenden Betonköpfen wo auch immer auf dieser Welt, ob in Nordkorea, dem Iran, Syrien oder eben Burma, schaden wir damit nicht. Sie leben weiter in Saus und Braus und werden dabei von lupenreinen Demokratien wie Russland oder China unterstützt und geschützt.

Burma war lange Spielball fremder Mächte. Kolonialzeit, japanische Besatzung, das kurze Intermezzo eines freien Burma kurz nach der Unabhängigkeit, und dann ein halbes Jahrhundert von den Chinesen gestützte Militärdiktatur.

Lichtgestalt und Ikone der Freiheit war in allen den Jahren der Unterdrückung durch das Militär, Aung San Suu Kyi die Tochter von General Aung San, des Helden der burmesischen Unabhängigkeit. Was hat diese Frau nicht alles erduldet. 15 Jahre von den Generälen unter Hausarrest gestellt, immer in Angst um das eigene Leben. Nach Ihrem Studium in England arbeitete sie für die Vereinten Nationen in New York. 1972 heiratete sie den britischen Tibetologen Michael Aris, mit dem sie zwei Söhne hat. Lange Zeit lebte sie mit ihrer Familie in der beschaulichen Idylle von Oxford. Krankheit und Tod Ihrer Mutter führten sie zurück nach Burma. Dieser Besuch öffnete ihr die Augen für das Leid und die Unterdrückung die ihre Landsleute unter der menschenverachtenden Herrschaft des Militärs erdulden mussten. Anfänglich ließen die Generäle noch familiäre Kontakte zu, unterbanden diese jedoch als die Krebserkrankung von Michael Aris bekannt wurde. Von 1995 bis zu seinem Tod im Jahr 1999 durfte Aung San Suu Kyi Ihren Ehemann nicht sehen. Auch zu seiner Beerdigung konnte sie nicht reisen. Man hätte dieser unermüdlichen Mahnerin für die Freiheitsrechte ihres Volkes die Wiedereinreise verweigert.

1991 erhielt Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis. Sie gehört in die traurige Reihe von Preisträgern wie Andrej Sacharow, Lech Walesa und Liu Xiaobo, die ihren Preis nicht persönlich in Empfang nehmen durften. Allein dieser Umstand brandmarkt das Regime in Rangun als Unterdrücker von Freiheit, Wahrheit und Menschlichkeit.

Im November 2010 wurde Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest entlassen. Der große Bruder in Peking hat den Generälen wohl klargemacht, dass man den Würgegriff lockern muss. Es hat Reformen und freie Wahlen gegeben. Aung San Suu Kyi ist die unangefochtene Führerin im Parlament. Wie es weiter geht ? Wer weiß ? Die Zukunft wird es zeigen. Aung San Suu Kyi gehört mit ihrem gewaltlosen Widerstand mit Recht zu den großen Freiheitshelden des 20. Jahrhunderts. Sie steht in einer Reihe mit Mahatma Ghandi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Ob sie ihr Land allerdings eines Tages als Präsidentin anführen wird, steht in den Sternen.

Der Geist ist alles; was du denkst, das wirst du.


Religion ist Opium für das Volk meinte Lenin. Auch wenn der Norden Burmas Teil des Goldenen Dreiecks ist, hat Religion für die Menschen hier nichts rauschhaftes. Nur wenige Länder auf unserem Globus sind so vom Glauben geprägt wie Burma. Mehr als 85% der Burmesen sind bekennende Buddhisten.

Abertausende Tempel und Klöster sind quer durch das Land verstreut. 3000 Heiligtümer gibt es alleine rund um Bagan. Wer immer an seinem Karma arbeiten möchte, findet hier Gelegenheit. Der Buddhismus ist die kleinste der Weltreligionen und so bescheiden wie die Mönche und Nonnen in den Klöstern leben, tritt auch ihr oberster Repräsentant der Dalai Lama auf. Wann immer ich seiner Heiligkeit begegnet bin, ganz gleich ob bei einer seiner Pressekonferenzen oder in seinem indischen Exil in Dharamsala er strahlte immer jene fröhliche Gelassenheit aus, für welche ich Buddhisten so sehr beneide. Im Namen Buddhas wurden niemals Kriege geführt, zumindest nicht solche wie wir sie unter dem Banner des Kreuzes oder dem Schwert des Dschihad erlebt haben und erleben. Kritiker werden einwenden, das die Khampa-Rebellen in Tibet eben so wenig ein Pazifisten-Verein sind, wie die in den letzten Jahren in Burma die aufkommende 969-Bewegung, deren militante Anhänger nicht als Jünger von Gewaltlosigkeit bekannt sind. Alles richtig! Man darf nur die Maßstäbe nicht verlieren. Die Khampa sind Freiheitskämpfer die Tibet von der chinesischen Unterdrückung befreien wollen. Die 969er berufen sich auf ihre Religion. Ihr Kampf oder besser gesagt „kriminelles Treiben“ richtet sich gegen die Muslime die seit Jahren aus Bangladesh nach Burma einsickern. Es ist mehr wirtschaftliche Not als religiöser Eifer, welche die Situation befeuert. Gewalt und Blutvergießen, aus welchem Grund auch immer muss man bekämpfen. Das ungebremste Bevölkerungswachstum in Bangladesh gegen das die Regierung in Dhaka nichts unternimmt bringt Burma unter Druck, hat man doch Schwierigkeiten die eigene Bevölkerung zu ernähren. Es hilft vielleicht sich ein Wort Buddhas in Erinnerung zu rufen:

„Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt.“

Zur Erfahrung dieser Wirklichkeit gehen viele Burmesen ins Kloster. Die dunkelroten oder orangen Roben der Mönche prägen das Stadtbild von Rangun, Mandalay genauso wie auf dem Land.

Bereits im frühen Kindesalter beginnt der Ernst des religiösen Daseins. In Mandalay und Bagan durfte ich an mehreren Novizenweihen teilnehmen. Ein wichtiger Tag im Leben jedes Kindes, sowie bei uns die Erstkommunion, nur fröhlicher. Die Umzüge die zum Schluß der Zeremonie im Kloster enden, ähneln ein wenig unseren Faschingsumzügen mit lauter schriller Musik und vielen Motivwagen. Je nach finanziellen Möglichkeiten der Familien werden die kleinen Prinzen und Prinzessinnen auf Ochsenwagen gesetzt oder reiten während der Prozession gar auf Elefanten. Süßigkeiten werden hier nicht ins Volk geworfen. Die Kinder stopfen sich ein letztes Mal mit Bonbons und Popcorn voll, bevor in den nächsten Wochen gefastet wird. Zu guter Letzt wird das Haupthaar geschoren und die Kleinen für wenige Wochen in die Obhut der Klöster entlassen bevor sie in den Schoß der Familie zurückkehren oder für immer den Weg des Glaubens beschreiten.

Im Laufe ihres Lebens kehren die Menschen immer wieder auf kurze Zeit ins Kloster zurück um an Ihrem Seelenheil zu arbeiten. Letztendlich ist diesem Umstand auch die Öffnung zu verdanken, welche Burma in den letzten Jahren erfahren hat. Was bei uns als „Safran Revolution“ der Mönche ankam, war in Wirklichkeit ein Volksaufstand. Was war geschehen ? Im August 2007 nahmen die Militärs einen Großteil der staatlichen Subventionen auf Treibstoffe zurück. Damit stieg der Benzinpreis schlagartig um 70 – 100%. Erdgas kostet plötzlich das fünffache des normalen Preises. Pendler konnten sich die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr leisten und verloren ihre Arbeitsplätze. Binnen Wochenfrist verteuerten sich alle Güter des täglichen Bedarfs.

Speerspitze des Aufstandes war die Studentenschaft. Aufgrund des anhaltend harten Durchgreifens der Sicherheitskräfte schlossen sich „die Mönche“ dem Widerstand an. Der Zeitpunkt für die Preiserhöhungen war von den Regierenden schlecht gewählt. Es war Regenzeit. Während dieser Jahreszeit ziehen sich viele Burmesen in Ermangelung anderer Einnahmequellen in die Klöster zurück und gehen als Bettelmönche durch die Straßen. Die roten Roben die sich wie aus dem Nichts als Schutzschilder um die Protestierenden legten waren Taxifahrer, Gemüsehändler und Reisbauern, einfache Menschen also. Die Proteste wurden durch Polizei und Militär blutig niedergeschlagen, forderte viele unschuldige Opfer. Der Aufstand brach in sich zusammen. In den Köpfen der Menschen rund um den Globus blieben jedoch die Bilder niedergeknüppelter Mönche. Der Druck der Weltöffentlichkeit vor allem aber der Druck Pekings zwang die Machthaber zum Einlenken.

Alles auf die „9“


Heinrich Heine schrieb einst: „Lächelnd scheidet der Despot; denn er weiß, nach seinen Tod wechselt Willkür nur die Hände, und die Knechtschaft hat kein Ende.“ Ein Satz der wie kein anderer die Situation im Burma dieser Tage widerspiegelt. Sicher, es gab annähernd freie Wahlen, viele politische Gefangene wurden amnestiert, und auf die Gesichter der Burmesen ist das kleine Lächeln zurückgekehrt, das die Menschen so liebenswert macht. Aber die Militärs lassen nur die Zügel etwas lockerer, möglicherweise hat man ihnen aus Peking bedeutet, dass allzu harte Repression den Geschäften schadet. Wohin das führt sehen sie am Beispiel von Nordkorea.

Viele Generäle haben die Uniform in den Schrank gehängt und gegen den Anzug biederer Geschäftsmänner getauscht, um ihre wirtschaftlichen Interessen und Pfründe zu sichern. Sie sind Wanderer zwischen den Welten, verstecken sich unter dem Deckmantel wachsender Demokratiebestrebungen, und bleiben doch die wichtigsten Spieler im großen Spiel. À pro pos Spiel. Einer der grausamsten Spieler in der Geschichte Burmas war General Ne Win. Mehr als 25 Jahre hielt er das Land im Würgegriff. Proteste gegen seine Regierung wurden mehrfach brutal niedergeschlagen. Die Studentenaufstände vom Sommer 1962 führten zur Erschießung dutzender friedlich Protestierender.

1987 ließ Ne Win neue Banknoten zu 45 und 90 Kyat ausgeben. Bis in die höchsten Ränge der Militärregierung interessiert man sich für Wahrsagerei. Ne Win bildete hier keine Ausnahme. Viele seiner Entscheidungen fällte er auf der Grundlage astrologischer Prophezeiungen. Er hatte ein ausgeprägtes Interesse an Numerologie. Seine Glückszahl soll die „9“ gewesen sein. Daher die neuen Banknoten die im Wert eine 9 enthielten oder deren Wert durch 9 teilbar war. Die gängigen Banknoten wurden kompensationslos entwertet. Angeblich um den Schwarzmarkt einzudämmen. In Wahrheit wurden dadurch schlagartig weite Teile der Bevölkerung ihrer spärlichen Ersparnisse beraubt. Die daraus folgenden Unruhen ließ Ne Win wie immer blutig niederschlagen.

Geisterglaube und ein Hang zu Übersinnlichem beseelt viele Burmesen. Vielleicht ein Gegengewicht zu den vielen Regeln Buddhas. Nats, das sind eine Gruppe von 37 guten oder bösen Geistern werden vor allem von der einfachen Landbevölkerung verehrt. Auf die Spitze im wahrsten Sinne des Wortes treibt man den Geisterglauben auf dem Mount Popa. Auf dem Karstfelsen der sich weithin sichtbar aus der Ebene erhebt wird in der Tuyin Taung-Pagode den Nats gehuldigt. Opfergaben die die Geister besänftigen sollen werden dargebracht. Mehrere hundert steile Stufen muss man barfüßig erklimmen, bevor man im Reich der Geister ankommt. Alles was die Nats gnädig stimmt wird von den Händlern, deren Stände die Treppenaufgänge säumen praktischerweise gleich vor Ort angepriesen. Kadduk, ein süßes Fruchtmus, Sandelholz, versteinerte Muscheln und Erdnüsse für die zahlreichen Affen, die den Felsen bevölkern werden angeboten; - und wer nicht an Geister sondern an das eigene Leibeswohl glaubt, für den wird in einer der zahlreichen Teestuben gesorgt.

Alle Macht den Gräten ! – Die Fischer vom Inle-Lake


In meinen Reiseimpressionen bin ich immer bestrebt Stereotype zu vermeiden. Aufzählungen wie: „Wir sind von A nach B gefahren und haben dabei C gesehen“ finde ich langweilig. Auch im Lande selbst enttäusche ich lokale Führer häufig damit, dass ich mich für Jahreszahlen, ehemalige Herrscher oder andere „unwichtige“ Informationen nicht interessiere. Das ist etwas für Studienreisende. Als Fotograf interessieren mich die kleinen Geschichten hinter der Geschichte. Geschiochten von Einbeinruderern und Fischern am Inle-Lake die mit dem posieren für Touristen mehr Geld verdienen als durch den Fischfang; - von Seidenwebereien, in denen sich die Spinnräder unentwegt drehen und der Webstuhl klappert. In denen nur mit „Naturfarben“ gefärbt wird, die von Bayer geliefert in einem Regal in einer dunklen Ecke stehen; - von jungen Frauen die in kleinen Manufakturen die beliebten Cheroot-Zigarren drehen, die den alten Ladys vom Volk der Shan so großen Rauchgenuß bereiten. Landschaft und Dörfer rund um den Inle-Lake, der allmorgendliche „Wandermarkt“ und der Umstand dass man sich nur per Boot fortbewegen kann, machen das Abenteuer Inle-Lake einzigartig.

Viele Geschichten bleiben unerzählt, vieles gilt es noch zu entdecken. Ich werde also zurückreisen nach Burma, ins „Land des Lächelns“ - bald schon !

Dies ist Burma, und es wird wie kein anderes Land sein, das Du kennst
(Rudyard Kipling)


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