Kappadokien im Frühling





Reisebericht

Katpatuka – Im Land der schönen Pferde


Ich reise viel. Selten nimmt mich ein Ort so gefangen, das ich Kameras und Speicherkarten zusammenpacke und innerhalb von wenigen Monaten dorthin zurückkehre. Kappadokien mit seinen sonnendurchfluteten wilden Schluchten, seinen Felstürmen und sanften Hügeln, ist ein solcher Ort. Vor mehr als sechs Jahrtausenden, erkannten bereits die Hethiter, dass es sich in dieser Gegend gut leben lässt. Die Spuren von Phrygern, Medern und Lydern hat die Zeit längst getilgt. Den Persern verdankt Kappadokien seinen Namen. Katpatuka – Land der schönen Pferde. Die Römer waren nur eine Fußnote der Geschichte. Die karge Schönheit Kappadokiens bot Feldherren und Imperatoren nur wenig, was diese sich gerne ihrem Reich einverleiben wollten. Ich will nicht in der fernen Vergangenheit verweilen, das mag das Steckenpferd von Historikern und Archäologen bleiben. Mir sind die Menschen; die lebenden viel wichtiger. Von ihnen will ich erzählen.

Die Tränen des Himmels


Wie Tränen hängen Sie am Himmel, die Ballons, die allmorgendlich rund um Göreme aufsteigen. Doch der liebe Gott weint allerhöchstens Freudentränen, wenn er die Wunderwelt seiner Schöpfung von oben durch die Augen der Ballonfahrer betrachtet. Auch für jemanden der viel von der Welt gesehen hat, ist eine Ballonfahrt am Himmel über Kappadokien etwas Besonderes, Einmaliges. Jeden Morgen; lange vor Sonnenaufgang zwängen sich die Kleinbusse, der Ballooning-Unternehmen durch die engen Gassen von Ürgüp, Göreme und Uçhisar
um ihre Klientel einzusammeln. Parallel dazu quälen sich Landrover mit Trailern und den Baskets zu den Startplätzen im Gelände. Unzählige Ballooning-Unternehmen haben sich in der Region angesiedelt. Lars-Eric Möre und Kaili Kidner starteten mit Kapadokya-Ballooning den Boom im Jahr 1991. Kapadokya zählt auch heute noch zu den Unternehmen, die man ruhigen Gewissens empfehlen kann. Zwischenzeitlich tummeln sich aber neben Alla Turca, Anatolia, Butterfly, THK, Atmosphere, Royal und Voyager noch viele andere Farben am immer enger werdenden kappadokischen Himmel. Das hätten sich Joseph und Jacques Montgolfier sicher nicht träumen lassen, als sie am 21. November 1783 mit Ihrer „fliegenden Kugel“ im Schlosspark zu Versailles zum ersten Flug abhoben.
„Unser Montgolfier“ an diesem Morgen ist Graham. Wir kennen uns aus dem vergangenen Jahr. Graham ist ein wahrer Virtuose an den Steuerleinen und Experte in der Ausnutzung kaum wahrnehmbarer Luftströmungen. Wir starten an diesem Morgen in der Nähe von Zelve. Mehr als 40 Ballons zähle ich. Der Ballon überquert die „Zipfelmützen von Paşa Baği“ und schwebt über Çavuşin in Richtung Uçhisar. Ich frage Graham ob es eine Chance gibt, dass wir hinüber ins Aşk Vadisi kommen. Er antwortet: „Let’s see what we can do“. Zunächst sieht es nicht so aus als ob das gelänge. Die Ballonflotte hält mit dem Wind Kurs auf Uçhisar . Graham zupft und zieht an den Seilen, dreht den Ballon etwas, und wie von Zauberhand lösen wir uns von der Masse. Schnell tauchen die „Spargelspitzen“ der Felsnadeln unter uns auf und Graham lässt den Ballon etwas sinken. Der Schattenwurf des Ballons zeichnet sich scharf auf den strahlend weißen Felsen ab. Well;
räuspert sich Graham: „Here we are – Ladies and Gentlemen >Viagra-Valley<“ In der Tat könnte man bei den Felsen an übergroß geratene Phalli denken. Wahrscheinlich hat das Tal auch daher seinen Spitznamen „Love-Valley“. Im vergangnen Jahr hatte ich das große Glück, am frühen Morgen im Talgrund zu stehen, während die ganze Ballon-Armada wie an den Fäden eines Marionettenspielers in das Tal hinab sank und wieder aufstieg. Heute sind wir mit unserem Ballon die einzigen dort. Der Ballon steigt wieder und bald schon erkenne ich unter uns das Pigeon Valley. Am Ortsrand von Uçhisar taucht unter uns das Hauptquartier von Anatolian Balloons auf. Die haben einen schönen Garten, einen netten Schrottplatz und einen brandneuen Tower. Da steigt der Chef immer hinauf um sein Geld zu zählen; meint Graham mit typisch britischem Humor. Kurz darauf kommt sein Kommando: „Well folks, - Landing position, please“ und sanft wie eine Feder setzt der Korb auf dem Boden auf. Nach zwei kurzen Lupfern steht der Korb samt Ballon auf dem Trailer, die Kappe wird geöffnet und die Ballonhülle fällt in sich zusammen. Es ist eben nichts als heiße Luft ! Der sicheren Landung folgt die unvermeidliche Champagner-Zeremonie. Graham meint „they call it champagne“; von dem süssen Kuchen, der dazu kredenzt wird, hält er auch nicht viel. Den verfüttere er sonst an seine Tauben. Als die Crew dann den Korb mit Blümchen drapiert, knurrt er noch, das die sicher aus dem Garten von Anatolia Ballons stammen und fügt dann schnell hinzu: „please ask me a question; otherwise I have to work“ . Die Crew hat damit begonnen, die Ballonhülle zusammenzulegen und zu verpacken und Graham’s Unterhaltungsprogramm für die Gäste ist da schon leichter. Wir lachen Tränen, womit wir wieder bei den Tränen des Himmels wären. Ganz sicher werden wir uns wieder sehen, irgendwo am Himmel über Kappadokien; - schon im nächsten Jahr.

„Aufgeklärt“ – ist anders


Eines meiner großen Vorbilder war Hanns-Joachim Friedrichs. Sein Credo „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache" habe ich noch im Ohr. Wie schwer einem das werden kann zeigt diese kleine Geschichte, die eigentlich eine ganz andere hätte werden sollen. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die ich mag, ohne sie genau zu kennen. Mein Blick war nur ein oberflächlicher. Vielleicht von der Vorstellung getragen das der Umgang dieser beiden Menschen miteinander und die Art wie sie ihr Leben organisiert haben, in einem modernen Gegensatz zu dem stehen, wie wir die türkische Gesellschaft wahrnehmen. Man ertappt sich selbst dabei, wie man den Zeigefinger erhebt und anderen belehrend zuruft: .Seht her, es geht auch anders.“ Vielleicht stimmt beides nicht; weder das Bild von der verkrusteten türkischen Gesellschaft noch jenes, das alte Zöpfe abgeschnitten werden und es einen Wandel zur Moderne gibt. Den weisen Satz des großen Goethe: „Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht..“ Muss ich für mich dahingehend erweitern, dass man auch lange genug bleiben muss um zu verstehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man nicht aufschreiben darf, was man gerne sehen möchte; das man kritischer hinterfragen muss und das man als Gast in einem Land, die Wünsche seiner Gastgeber respektieren muss auch wenn man ihre Beweggründe nicht versteht.

Die Ehre des Teppichhändlers


Ich sehe Demi Moore noch genau vor mir, wie sie im Film „Eine Frage der Ehre“ mit wutverzerrtem Gesicht ihren Filmpartner beschimpft, er habe eine Berufsauffassung wie ein …“schmieriger, schlitzohriger Teppichhändler im Basar“. Wieder so ein Klischee. Ich habe überall auf dem Globus wo man mit Teppichen handelt, schon solche Präsentationen mitgemacht. In Indien, Persien oder Usbekistan und selbstverständlich auch in der Türkei. Der Teppichhändler kredenzt zuerst Erfrischungen, da bildet auch Faruk keine Ausnahme. Das wir Teppichhändler jedoch in die Riege der Gebrauchtwagenhändler und Rosstäuscher einsortieren, ist eine unzulässige Verallgemeinerung.
Selbstverständlich präsentiert Faruk seine Teppiche mit Engagement und Wissen um die verschiedenen Muster, Materialien und Herstellungsweisen. Es wird einem schier schwindlig wenn seine Verkäufer immer neue Stücke aus Regalen, Schränken und Kommoden ziehen. Faruk erweist sich als sprudelnder Wissensborn der „Teppichkunst“ – kennt Vergleichsstücke aus seinem Sortiment, die die Völkerkundemuseen und kunsthandwerklichen Sammlungen rund um den Globus zieren. Doch Faruk hat auch seine Sorgen. Sein Teppichgeschäft am Fuß des Burgbergs von Uçhisar liegt nicht auf einer der touristischen Hauptrouten. Er jammert; - in dieser Woche habe er noch gar nichts verkauft und dies mitten in der Saison im Juni. Faruk ist ein türkischer Gentleman im wahrsten Sinne des Wortes. Ein „Teppichhändler“ dem man vertrauen kann. Für eine gute Freundin hat er ein Haus gekauft. Das Geld hierzu hat sie ihm auf Handschlag anvertraut und auch meinen Teppich habe ich schon im Gepäck, ohne das er bezahlt war oder Faruk meinen Namen kannte. Es gibt ihn also den „ehrlichen Teppichhändler“.

Wieder ist eine Woche unter kappadokischer Sonne viel zu schnell zu Ende gegangen. Es gibt noch so viel zu sehen, zu erleben und zu erzählen. Im kommenden Jahr werde ich wieder dorthin reisen. In der Zwischenzeit heißt es Dank sagen. An Evelyn Kopp vom Asmali Cave House in Uçhisar, die mit ihrem gemütlichen Haus und gewissenhaften Vorbereitung unsere Touren immer zum „Event“ werden lässt. An Graham Luckett den Ballooner und Sevgi Peker von Kapadokya Balloning in Göreme für Unterstützung zu Lande und in der Luft – und all die Menschen die geduldig Modell gestanden oder gesessen haben. Für sie alle hat der türkische Dichter Nazim Hikmet ein Gedicht geschaffen von dem ich glaube, das wir dem Inhalt wohl alle zustimmen können.

Leben einzeln und frei
wie ein Baum und dabei
brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist alt.

Yaşamak bir ağaç gibi
tek ve hür ve bir orman gibi
kardeşçesine,
bu hasret bizim.


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