Marokko





Reisebericht

Marokko – Märchen aus 1001 Nacht oder 1 Nacht unter 1000

Ein marokkanisches Sprichwort sagt:

„Marokko ist ein Land, das sein Wesen nur jenen offenbart, die sich die Zeit nehmen, Wasser zu schöpfen und eine Kanne Tee aufzugießen“

…also kein Land für Kaffeeliebhaber. In der Tat war es die Annäherung an ein kompliziertes Land. Fünfunddreißig Jahre mussten vergehen ehe ich einen neuen Anlauf wagte.

Während der Studienzeit, in den Semesterferien - die Börse war schmal und der Traum von der weiten Welt groß - war ich für einen örtlichen Busunternehmer alljährlich als „Hilfs-Reiseleiter“ unterwegs. Wer in einer Saison als Reiseleiter zehn Wochenendreisen nach Paris zu 99,-- DM begleitet hatte, der durfte sich eine „große Reise“ aussuchen. So habe ich nicht nur die miesesten Hotels und Kneipen der französischen Hauptstadt kennengelernt, sondern bin auch nach Marokko gereist; - mit dem Bus ab Frankfurt. Ein Horrortrip!

Mehr als ein Vierteljahrhundert später stehe ich wieder auf dem Grand Balcon des Cafe Glacier in Marrakech und schaue hinunter auf den Djemaa el Fna….

I have a dream…


Gut; - sich die bedeutungsschwangeren Worte Martin Luther Kings für meine kleine profane Geschichte auszuleihen, mag ein wenig lästerlich klingen, wahr bleiben sie trotz alledem. Abends, wenn die Lichter erglimmen, erwacht der Djemaa el Fna zu neuem Leben. Hier auf dem Hinrichtungsplatz, dem „Platz der Gehenkten“, wo die Sultane Jahrhunderte lang die Köpfe der Hingerichteten zur Abschreckung auf Lanzen haben aufspießen lassen, treiben heute tagsüber Wasserverkäufer in ihrer bunten Tracht, ambulante Zahnreißer und Schlangenbeschwörer mit ihren Giftspritzen, ihr Unwesen. Abends jedoch, wenn Lampen und Laternen den Platz in ein magisches Licht tauchen, kommen die Gaukler, die Geschichtenerzähler und die Traumverkäufer.

Bepackt mit der schweren Kamera und dem Stativ, stehe ich im Bannkreis der Zuhörer, die an den Lippen des Traumverkäufers hängen. Salbungsvoll redet er in die Runde und verschleudert Träume für ein paar Dirham.

Mit den Träumen ist das so eine Sache. Bei einem „Whisky marrocain“ sitze ich im Innenhof des Riad El Cadi, und schaue in den sternenklaren Nachthimmel. Ein Traum! Was wenn er wahr wird?

Träume berühren uns nur so lange, solange sie unerfüllt bleiben. Leben wir nicht dafür? Dafür, dass es immer etwas geben wird, was unerreichbar bleibt? Machen nicht unsere Träume das Leben manchmal erst lebenswert?
Ein erfüllter Traum wird Realität, - und allzu schnell verblasst er, - wird zur Erinnerung.

"Man darf niemals glauben, am Ziel angekommen zu sein, was will man denn sonst noch, wenn man das Gefühl hat, bereits alles vom Leben erhalten zu haben - das Leben hat doch überhaupt keinen Sinn mehr, wenn man all seine Träume verwirklicht hat."


Stammt dieses Zitat von einem unser großen Philosophen? Von Hegel, Kant oder Heidegger?

Nein, diese Erkenntnis verdanken wir Eros Ramazotti, aber das macht sie nicht weniger wahr.

Auf Sand gebaut …


Sand; - flüchtiger Baustoff des Universums oder zerriebene Zeit? Ob nun SiO2 oder CaCO3 ist mir eigentlich egal.

Dass Sand ein Mineralkorn mit einer Korngröße von 0,063 -2 mm ist und auf der 10-stufigen Mohs’schen Härteskala mit 7 angegeben wird, spielt für mich keine wesentliche Rolle.

Die Strukturen des Sandes, die Vielfalt der Kurven, Linien und Formen, mit der er sich in den Wüstengebieten zu Dünen auftürmt und abstrakte Kunstwerke schafft, faszinieren mich immer und immer wieder.

In gut vierzig Jahren „on the road“ habe ich viele Wüsten bereist: Ténéré, Rub-alKhali, Taklamakan, Gobi und Namib aber auch die Atacama und die Sahara. Magische Orte.

Wüsten sind per se schwer zugängliche, aride Landstriche von spröder Schönheit. In den letzten Jahren aber haben die politischen Probleme in Ägypten, Niger, Mali, Libyen oder dem Jemen das Reisen erschwert und zum Teil unmöglich gemacht. Auch Anrainerstaaten, wie Algerien, Mauretanien, und Saudi Arabien, muss man wohl zu den für Touristen unsicheren „Wüsteneien“ zählen.

Die Kämpfer der Al Khaida im Maghreb, die Anhänger der Muslimbrüder, von ISIS oder anderen Verbrecherbanden, versuchen uns in eine Zeit zurück zu bomben, von der wir glaubten, dass sie längst vergangen sei. Doch sie haben auf Sand gebaut und werden im Treibsand der Geschichte untergehen; - je schneller, je besser.

Die „Sandgebiete“ Marokkos sind klein und überschaubar. Der Erg Chebbi, nahe Merzouga, und der Erg Chegaga, unweit von M’hmid, sind nur schmale Wüstenstreifen. Nachmittags, wenn die Sonne tiefer sinkt und Licht und Schatten ihr Spiel mit dem Sand treiben, kann man die schwere Kamera die Dünenkämme hinauf- und herunter- schleppen und bereits eine Stunde später, - nach kurzer Fahrt, schon seinen Durst an der Bar irgendeines Hotels oder Bistros stillen und dabei den Staub hinunter spülen.

Wieder zuhause betrachte ich auf dem großen Monitor die photographischen Ergebnisse dieses „Pendelverkehrs“ und höre den Regen, der gegen die Fensterscheibe trommelt, kommt mir ein Lächeln auf die Lippen. Ich gieße mir ein Glas ein, meine Gedanken schweifen zurück an die kalten, sonnigen Stunden des heranbrechenden Tages in der Wüste.

Des Königs Gebete…


Mit seinen Wünschen muss man vorsichtig sein; - sie könnten in Erfüllung gehen.

Als wir eines Morgens die Kleinstadt Rissani verlassen, sind Straßenarbeiter dabei entlang der Durchgangsstraße einen Wald aus marokkanischen Fahnen zu errichten. In jedem noch so kleinen Dorf, das wir passieren, das gleiche Bild. Das rote Tuch mit dem grünen Stern in der Mitte ist schon von weitem sichtbar.

Nationalfeiertag ist heute nicht, der ist im Juli; von Parlamentswahlen oder einem erwarteten „Königskind“ stand in den Zeitungen nichts.
Mein Begleiter Habib meint das sei für den „Grünen Marsch“. Vom grünen Band der Sympathie habe ich schon gehört, auch vom „Grünen Plan“; - aber „Grüner Marsch“ ? Worum genau es dabei geht wird mir nicht recht verständlich, und Habib kann auch wenig Erhellendes beitragen.

Während einer kurzen Rast treffe ich vor einem kleinen Cafe eine Gruppe älterer Herren, die sich auf ein Glas Minztee treffen und den Tag an sich vorbei ziehen lassen.

Hier lässt sich mehr über den „Grünen Marsch“ erfahren. „Weißt du“,sagt einer, „1975 bin ich selbst noch mitmarschiert, zusammen mit dem alten König!“

Im Jahr 1975 marschierten 350.000 Marokkaner durch das südliche Marokko auf die damalige Kolonie Spanisch-Sahara zu, Franco sollte zur Aufgabe dieser Kolonie zur Abtretung an Marokko bewegt werden. Bis ins Jahr 1991 tobten Kämpfe zwischen der marokkanischen Armee und den Freischärlern der Polisario um das Gebiet, welches wir heute unter dem Namen „Westsahara“ kennen.

Seit dem Waffenstillstand kontrollieren Marokko und Polisario die Westsahara ungefähr zu gleichen Teilen. Ein vergessener Konflikt. Wie fast immer geht es ums Geld. Unter der kargen Oberfläche der Westsahara vermutet man die größten noch unerschlossenen Phosphatvorkommen unseres Planeten.

Der „Grüne Marsch“ heutiger Tage hat eher etwas nostalgisches, symbolhaftes. Aufgrund der Dürre in den Gebieten südlich des Atlas’, - und weil der „Grüne Marsch“ ja für irgend etwas gut sein muss -, hat der König die Menschen zu einem „nationalen Gebet für Regen“ aufgefordert. Allah hat dem König gut zugehört und eine Sintflut gesandt, die fünfunddreißig Menschen das Leben gekostet hat.

Nur wenige Tage nach meiner Heimkunft sehe ich mit blankem Erstaunen Bilder über die Mattscheibe flimmern: meterhohe schlammige Fluten wälzen sich durch ein Flussbett. Menschen hängen an Drahtseilen und greifen nach Rettungsringen, im Hintergrund ein kleines Dorf. Ich erkenne die Kasbah von Ait ben Haddou. Keine vierzehn Tage sind vergangen, da habe ich mein Stativ noch im trockenen Flussbett vor der Kasbah aufgestellt. Und jetzt diese Wassermassen!

Mir fallen die Worte von Farah Aden aus dem Film „Out of Africa“ ein: „Gott ist groß; - Msabu !“

No Cash, no Hope, no Dirham


Zuhause angekommen, wird der Reisende von den Daheimgebliebenen immer gefragt: „Erzähl’ – wie war’s?“

Braucht man dazu länger als fünf Minuten, erlischt meist das Interesse.
Pauschalurteile zu fällen ist immer schwierig und zumeist falsch. Betrachtet man es nüchtern, so erlahmt unser Interesse an fremden Völkern und Kulturen.

Die vergangenen 25 Jahre haben uns die Globalisierung gebracht und das Medienangebot ist explodiert.

Die Erinnerungen des kürzlich verstorbenen Fotoreporters Robert Lebeck tragen den Titel „Neugierig auf Welt“. Neugierig, - das sind wir schon lange nicht mehr. Unsere Neugier beschränkt sich auf wöchentlich je dreißig Minuten „Weltspiegel“ und „Auslandsjournal“.

Was wissen wir von Marokko? Wie geht es den Menschen dort? Was sind ihre Sorgen und Nöte, was ihre Freude und ihr Glück? Wer von uns könnte das beantworten?

Ich bin nicht so vermessen und waghalsig zu glauben, dass mir eine dreiwöchige Reise einen tieferen Eindruck vermittelt. Es ist mehr Draufsicht als Tiefenanalyse; - Kann auch nicht mehr sein.
Trotzdem, es gibt Dinge, die ändern sich nicht, sind sozusagen in der DNA der Menschen angelegt.

In Marokko ist das im Umgang mit den Menschen, die Geste des Reibens zwischen Daumen und Zeigefinger. Man prüft die Zahlungsfähigkeit und Zahlungswilligkeit des Fremden und ohne Cash geht vielmals leider gar nichts.

Das ist schade, verbaut es doch häufig den Weg zu gegenseitigem Verständnis; ist aber mancherorts auch Folge des Massentourismus.
Aus den Augen vieler Marokkaner spricht die unausgesprochene Anklage: „Du bist reich und ich bin arm – und das ist ungerecht“. Sicher ist das richtig, aber wer hat gesagt, dass es auf dieser Welt gerecht zugeht ?

An einem Nachmittag sitze ich in einem Straßencafe in Marrakesch und einer der unvermeidlich ambulanten Händler spricht mich an. Sein Verkaufsschlager sind hölzerne Kobras. Ich mag schon die lebenden Exemplare nicht und grob geschnitzte Exemplare schon gar nicht. Ich lehne ab, doch so leicht ist er nicht abzuschütteln, hängt an mir wie eine Klette.

Da ist er wieder, dieser Blick: „Du bist reich und ich bin arm – und das ist ungerecht!“. Ich lade ihn auf einen Tee ein und wir sprechen über ihn, seine Familie, seinen Handel und wie wenig die Touristen kaufen, wo sie doch so reich seien. Ich erspare mir die Erklärung, dass viele Touristen - gemessen am Lebensstandard in ihrem Heimatland -auch keine reichen Leute sind. Verstehen konnte er das nicht. Wer ins Ausland reist und in einem schicken Hotel wohnt, der muss ganz einfach reich sein.

Ich versuche es anders, greife in die Hosentasche und ziehe ein Bündel Geldscheine hervor. Ungefähr vierhundert Dirham - umgerechnet vierzig Euro. Ich erkläre ihm, dass wenn ich jedem Bettler oder Händler, der mich an diesem Tage angesprochen hat auch nur einen Dirham gebe, ich anderntags nach Hause fahren könne. Er lacht und auch wenn er nichts verkauft hat, haben wir uns verstanden.

Die meisten Märchen beginnen mit den Worten: „Es war einmal“ und enden mit: „…und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“.

Und wie endet mein marokkanisches Märchen?
Der große marokkanische Schriftsteller Tahar ben Jelloun hat einmal geschrieben:


„Ich würde sagen, dass Marokko einer Zimmerflucht gleicht, deren Türen sich öffnen, wenn man durch sie hindurchgeht…
Jede Tür eröffnet einen anderen Ausblick: auf einen Raum, ein Gesicht, eine Stimme, ein Geheimnis "

Schöner kann man es nicht beschreiben.


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