Sevilla





Reisebericht

Semana Santa - Geh‘ und sündige hinfort nicht mehr !


Wie schreibt Werner Bergengruen in seiner Erzählung „Badekur des Herzens“ so treffend: „ Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern vor allem reisen wir in andere Verfassungen der eigenen Seele“. Ich glaube diese kurze Zeile umschreibt die Eindrücke meiner Reise zur „Heiligen Woche“ nach Sevilla wohl am genauesten. Ich kannte die Photos meiner Kollegin Cristina Quicler, mehr aber leider nicht. Doch das sollte sich ändern.

In der Karwoche befindet sich Sevilla im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben der Stadt ruht in weiten Teilen und während der Tage zwischen Palmsonntag und Ostermontag versinkt die Stadt in „Frömmigkeit“. Neudeutsch spricht man in der Soziologie gerne von einem „Mobilisierungsgrad“. Während der acht Tage nehmen schätzungsweise 60.000 Büßer an den Prozessionen teil, und glaubt man der Moderatorin von Canal Sur, so säumen in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag 1 Million Menschen die Straßen und Plätze Sevillas, um der großen Prozession beizuwohnen.

Endlos scheinen die Prozessionszüge der Büßer die man auch Nazarener nennt. Von weitem erschallt die Musik der Trommler und Bläser die den Zug begleiten. Und dann ist der Prozessionszug da. Ein wenig gespenstisch sehen die Gestalten aus. Viele gehen barfuß. Lange Kutten umhüllen sie und weithin sichtbar ragen die Spitzhauben, die an den Ku-Klux-Klan erinnern, ragen aus der Menge. Manche tragen ein Holzkreuz, andere brennende Kerzen. Weihrauchkessel werden geschwenkt und der Duft schwängert die Luft. Lange schon sind sie unterwegs. Zwischen sechs und acht Stunden dauert die Prozession. Ausgangspunkt ist die Heimatgemeinde der Bruderschaft von denen es in Sevilla alleine 57 gibt. Alle streben der Kathedrale zu. Plötzlich sammelt sich zwischen den Büßern eine Horde rauer Gesellen. Ihre Kleidung erinnert eher an eine Turnerriege, doch dazu passt ihre merkwürdige Kopfbedeckung aus Sackleinen und weißem Baumwollstoff nicht. Plötzlich wird es ganz still und ein Pssssst !!! geht durch die Reihen. In der Ferne sieht man schwankend, die Menge überragend eine Marienfigur, die fast zu schweben scheint.

Höhepunkt jeder Prozession sind die Pasos, eine Art „“Reisealtar“ mit einer Statue der Heiligen Jungfrau oder einer Szene aus dem Kreuzweg Christi. Die Pasos sind über und über mit reich vergoldeten Schnitzereien versehen, üppig geschmückt mit Blumen und brennenden Kerzen. Diese Darstellungen sind der Stolz jeder Gemeinde und werden den Gläubigen zu Ostern gezeigt. Das Ritual erinnert ein wenig an Zeiten als Feldherren Ihren Truppen die Fahne präsentieren ließen, um die sie sich sammeln sollten. An dieser Stelle kommen die Jungs vom „Turnverein“ ins Spiel. Man nennt sie Costaleros. Sie tragen die schweren Schreine durch die Straßen. So ein Schrein wiegt Tonnen. Verdeckt unter einem Paravent schultern jeweils 35 – 50 Träger die Mutter Gottes und setzen sich auf Kommando in Marsch. Die merkwürdigen Mützen tragen Sie um Nacken und Schultern zu schützen. Sie ächzen unter der Last auf Ihren Schultern und vielleicht soll auch dies an die Last des Kreuzes das Christus nach Golgatha getragen hat erinnern. Nur wenige hundert Meter schafft eine Trägermannschaft dann muss sie abgelöst werden.

Plötzlich kommt der Prozessionszug erneut zum stehen. Die Musikkapelle verstummt. Auf einem Balkon; eine Frau in andalusischem Festgewand. À capella singt sie mit gebrochener Stimme eine Saeta; - ein Klagelied der Mutter Gottes über den Leidensweg ihres Sohnes. Es ist eine Stimmung die gefangen nimmt. Eine Bruderschaft folgt der anderen, prächtig sind die Gewänder, vom einfachen schwarz oder weiß, über violett, blau oder blutrot. Als der Paso wieder aufgenommen wird, schwillt auch die Musik wieder an. Dumpf dröhnen die Trommeln und Pauken und lassen einen erschauern. Als die Fanfaren und Hörner wieder einstimmen, setzt sich die Prozession wieder in Bewegung.

Einen ruhigen Platz an dem man all diese Eindrücke verarbeiten kann findet man in jenen Tag in Sevilla selten. Es ist ein wenig wie in New York, „A City that never sleeps“. Die Restaurants sind voll, die zig-Tausend Klappstühle entlang des Prozessionsweges sind bis auf den letzten Platz belegt. Viele Geschäfte sind geschlossen. Ich setze mich auf eine Bank am Ufer des Guadalquivir. Am gegenüber liegenden Ufer ist das Gelände der EXPO *92, damals modern, heute Postmoderne aber immer noch Lichtjahre entfernt von den Kutten und Spitzhauben der Büßer. Doch so ganz stimmt das auch nicht. Unter der Büßerkutte verbergen sich viele junge Leute. Die katholische Kirche schafft es mitten in einer „moralischen Rezession“, in einer Zeit wo viele traditionelle Werte der Globalisierung und dem wirtschaftlichen Druck in der Konsumgesellschaft geopfert werden, so viele Menschen „auf die Straße“ zu bringen. Hier in Andalusien ist man wahrscheinlich nicht frommer also irgendwo sonst Europa. Kirche oder besser gesagt das Leben in den Gemeinden sind der soziale Kitt der einen großen Teil der Gesellschaft zusammenhält. Zumindest erscheint es mir so.

Ein andalusisches Sprichwort sagt: „Du kannst die Uhr anhalten, aber niemals die Zeit“ Während der Semana Santa scheint auch die Zeit still zu stehen. Vielleicht deshalb weil Christus einst gesagt hat:

Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.
(Matthäus 18, 20)


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